+ Hallo Liebe Giullia – wenn Zuckerguss zur Zumutung wird + + +

Ich zähle mal durch: Sechs E-Mails, vier WhatsApp-Nachrichten, zwei Newsletter. 10 davon beginnen mit: „Hallo liebe Giullia“ – excuse me!?

Zehn Mal ein wohlig-wolliger Wischlappen, der über meine Identität gezogen wird. Und zehn Mal frage ich mich: Warum eigentlich lieb? Warum nicht: „Hallo beeindruckende, herausfordernde, kompromisslos kreative Giullia“? Oder einfach: „Hallo.“?

Wie sich Höflichkeitsfloskeln von echtem Inhalt abkoppeln – und warum das problematisch ist, gerade für Menschen, die klare Kommunikation lieben.
(„Sag mir, was du wirklich willst – nicht, wie lieb ich angeblich bin.“) Ein Blick auf eine unangenehme Angewohnheit und den inneren Widerstand derjenigen, die sich nicht sweetmentieren lassen wollen. Aber beginnen wir von vorne:

I. Das goldene Schleifenband als Zurrband zum leeren Karton

Ich bekomme viele Nachrichten. Beruflich, privat, hybrid und halbgar. Von Geschäftspartnern, alten Bekannten, wildfremden Menschen mit irgendeiner Agenda. Manche sind kurz. Viele sind lang. Die meisten drehen sich um deren ganz eigene Befindlichkeiten, Wünsche, Aufträge anderer – doch in einem sind sich zu viele Anlässe einig: sie beginnen mit drei honigsüßen Worten: „Hallo liebe Giullia“.

Ich weiß, es klingt harmlos. Fast warm. Wie ein guter Tee in der falschen Tasse. Wie Vanilleduft auf einer Motorsäge.

Und schon sammelt sich innerliches Widerstreben – als hätte jemand versucht, mir ein schweissgetränktes Stirnband mit Glitzeraufschrift „Einhörner furzen Iced Matcha Latte“ überzustülpen, während ich noch versuche, meinen Widerstand dazu zu bewegen, die Waffen runter zu nehmen, um nicht direkt in den Krieg zu ziehen. Irgendetwas in mir geht auf Habachtstellung. Nicht, weil ich kaltherzig wäre. Oder undankbar. Oder unfähig zur Zuneigung. Sondern, weil ich ahne, dass diese drei Worte nicht mir gelten. Sondern einem Bild von mir, das irgendwer mal irgendwo aus Watte geformt hat. #derabsender

Es klingt so nett. So sanft. So „richtig“. Und gleichzeitig ist es – pardon – eine semantische Ohrfeige im Schafspelz. Ich weiß, die meisten meinen es gut. Vielleicht sogar herzlich. Aber genau darin liegt das Problem: Diese Art der Ansprache ist ein Etikett, kein Ausdruck von Nähe. Es ist ein vorauseilendes Urteil, kein echtes Interesse. Ich bin nicht „lieb“. Ich bin nicht „deine“. Und ich habe auch nicht darum gebeten, warm gebettet zu werden.

Lieb – Ein Wort wie Marzipan: süß, weich, formbar – aber wehe, man mag es nicht.

In einer Welt, in der jeder Zweite sein Email-Postfach mit Automatisierungsbausteinen und Feelgood-Floskeln füttert, reagiere ich einfach allergisch auf Pseudo-Herzlichkeitsbingo. Das ist keine Begrüßung. Das ist eine sprachliche Sicherheitsdecke. Und ich frage mich: Wann wurde „nett“ eigentlich zur Eintrittskarte für Kommunikation? Und warum muss ich mich in eine vorgefertigte Adjektivform einpassen lassen? Hallo! Wie gut kennen wir uns?

Vielleicht bin ich spröde. Oder nicht kompatibel mit der neuen, wild aus dem Boden schießenden Schule der „Liebe geht raus!“ -Kommunikation. Vielleicht hat sich etwas in mir verhärtet, weil ich nicht mitziehen will, wenn Herzlichkeit als Default-Einstellung benutzt wird – wie das automatische „Gefällt mir“ unter jedem Fremden-Post. Und trotzdem nagen Zweifel an meiner inneren Moralkeule:

Was, wenn ich einfach nicht verstanden habe, wie wahnsinnig effektiv diese neue Zuckerwattigkeit ist? Was, wenn die Zukunft der Kommunikation nicht in Klarheit liegt, sondern in einer sprachlichen Abkürzung zu voraussetzender Nähe? Und was, wenn ich…

…einfach zu kompromisslos und unflexibel bin, um das Spiel mitzuspielen?
…zu komplex, um „lieb“ zu sein?
…oder zu wach, um nicht zu merken, dass da jemand versucht, mir ein sprachlichen Weichzeichner an die Stirn zu patschen. So – mit Spucke – angeleckt und dem Daumen festgedrückt.

Vielleicht. Vielleicht aber auch:
Ich bin nicht „lieb“.
Ich bin Giullia.
Punkt.

Ein Porträt einer Frau mit lockigem Haar, die ihre Hand erhoben hat und auf den Betrachter blickt.

II. Die Anmaßung der Etiketten

Warum es übergriffig ist, fremde Menschen in eine emotionale Kategorie zu stecken – besonders im beruflichen Kontext. („Lieb“ ist kein Kompliment, wenn der Erwartungskäfig gratis mitgeliefert wird.)

Es gibt Wörter, die schmeicheln – und trotzdem kneifen. „Lieb“ ist so ein Wort. Ein Wort wie ein Kaschmirpullover mit eingenähtem Korsett. Außen weich, innen starr, eng und unvermeidlich. „Lieb“ ist kein Adjektiv, es ist ein Vorschussvertrag. Ein unsichtbarer Handschlag, bei dem du nichts unterschrieben hast – und trotzdem zu liefern hast.

Wer „lieb“ genannt wird, soll bitte auch lieb sein: Nett. Geduldig. Gefällig.


Nicht fordernd. Nicht konfrontativ. Schon gar nicht unbequem.
Ich nenne das: die perfide Erwartung hinter dem Adjektiv. Denn es schleicht sich scheinbar harmlos an dich heran. Eine höfliche Mail. Eine aufgeräumte Grußformel. Hallo liebe Giullia – und zack – befindest du dich in einem Nähe-Konstrukt, welches der Beziehungsinhalt vermutlich nicht erlauben würde. Es ist wie ein Handschlag mit eingebautem Wertevertrag: ich attestiere dir doch Liebenswürdigkeit – also benimm dich dementsprechend warmherzig. Bleib geschmeidig. Bleib erwartbar. Bleib pflegeleicht.

Aber was, wenn ich das nicht bin?
Was, wenn ich zwar professionell, aber auch direkt bin?
Was, wenn ich höflich, aber nicht unterwürfig auftrete?
Was, wenn ich mehr unliebsam klar als kompromisslos lieb bin?

Besonders im beruflichen Kontext wird das zur Zumutung. Denn man schiebt dir nicht nur ein Etikett unter – man stellt dich damit auch in die stille Ecke. #psssst

Ich nenne das semantisches Framing mit emotionalem Klebstoff. Und es funktioniert erstaunlich gut. Denn wer „lieb“ genannt wurde und dann mit Klartext um die Ecke kommt, wirkt schnell: Irritierend. Unangenehm. Undankbar. Willkommen in der Sweetmentiert-Falle. Einmal „lieb“ etikettiert, darfst du nicht mehr ruckeln – sonst leidet die ganze, verdammte 5-stöckige Buttercremetorte!

Ein eleganter mehrstöckiger Hochzeitstorte mit dekorativen Rosen und grünem Blattwerk, platziert auf einem rustikalen Holztisch in einem gemütlichen Café mit stilvollem Ambiente.

Und ich frage mich:
Wann haben wir eigentlich angefangen, Kommunikation mit Persönlichkeitsattributen zu eröffnen? Warum glauben wir, Nähe herstellen zu müssen, wo Respekt, Inhalt und Klarheit gefragt wäre? Und was ist falsch an einem schlichten „Hallo Giullia“?

Ich bin nicht dein Liebchen.  Ich bin nicht dein Schoßhund. 
Ich bin Dir nicht nahe. Du bist mir nicht nahe.
Ich bin dein Gegenüber. Nicht gegen dich, nicht für dich.
Nur ein Empfänger. Punkt. 

III. Lieb war gestern – ab heute lebst du lieber schwierig

Wer als „lieb“ angesprochen wird, steht unter stillschweigender Beobachtung. Ein Verstoß gegen das Attribut („zu direkt“, „zu kritisch“, „nicht soft genug“) – und die Enttäuschung ist da. (Ich bin nicht hier, um Erwartungen zu erfüllen.) Was passiert, wenn einem das übergestülpte Kleid nicht passt? Oder auch: „In den Schuhen meines Absenders – ungeöffnet zurück!“

Es gibt einen Moment, der leiser ist als jeder Vorwurf – aber schmerzhafter als jede offene Ablehnung. Es ist der Moment nach dem „lieb“. Wenn du dich anders verhältst, als das Etikett fordert. Wenn der Inhalt dem Label nicht gerecht wird. Wenn du nicht weich federst, sondern genau hinsiehst, analysierst, klar formulierst. Nicht lächelst, sondern fragst. Nicht kuschst, sondern reflektiert kommunizierst. Es ist der Moment, in dem aus dem freundlich zuckenden „Hallo liebe Giullia“ ein zögerliches „Hm… also mit der Giullia ist es ja auch irgendwie schwierig . . . “ wird.

Und zack – bist du nicht mehr gemeint.

Du bist nicht mehr „lieb“.
Du bist nicht mehr kompatibel.
Du bist – abgewertet.
Du wist aussortiert.

Denn das Problem ist nicht, dass du dich veränderst. Das Problem ist, dass du aus dem Skript fällst. Aus der Rolle, die man dir vorher mit Wattewörtern, a lot of Herzchen und semantischen Liebkosungen übergezogen hat. Nur Du bist das Problem.

Lieb war der Code. Und du hast das Protokoll verletzt. Ach was sage ich, Du hast die verdammte Parade gesprengt.

Ich hab das viele Male erlebt. Insbesondere im beruflichen Kontext. In Projekten, in Kooperationen, in Mails, in Gesprächen, die ganz harmlos begannen. Mit einer zischenden Begrüssung, einem perfekt platzierten Lächeln, einer beschwichtigenden Geste. Und dem listigen Rattenschwanz der unausgesprochenen Erwartung. Wie oft dachte ich, wir sprechen über Inhalte, dabei ging es nur um die Verpackung. Klartext unerwünscht. Haltung nicht vorgesehen. Diskurs abgestraft als Angriff – obwohl sorgfältig, höflich und notwendigerweise ins Spiel gebracht. Plötzlich steht man da – nicht mehr als Kollegin, Gesprächspartnerin oder Sparringsgeist. Sondern als Störfaktor im Liebhabitat. 

Ich nenne das: soziale Sanktionierung durch Entzug. Und sie trifft vor allem die, die notwendigerweise darauf beharren, kritisch zu hinterfragen. Die nicht aufweichbar sind. Die nicht in der netten Masse verschwinden wollen. Die lieber auf Augenhöhe sprechen – statt in emotionaler Vorleistung zu stehen. Deshalb – und das ist der eigentliche Punkt dieses Kapitels – müssen wir uns abgrenzen lernen. Nicht gegen Freundlichkeit. Sondern gegen Erwartungsformate, die sich als Höflichkeit tarnen. Gegen die Absolventen einer inhaltslosen Kommunikationsschule der glänzenden Verpackungen, welche immer und überall einen Anlass für Etikette, Champagner und Correctness fordert und mit Null Verständnis auf jedwedig abweichende Resonanz reagiert. Gegen emotionale Manipulation, die uns nicht kennt, aber beansprucht. Gegen sprachliche Codes, die uns stillstellen, gleichschalten und gefangen nehmen – und dabei die „Labubu“ Fahne schwingen, als täten sie Dir und mir einen Gefallen. #vonwegen

Also, Scheiss drauf! Atme kurz durch, richte dich auf – verlasse die Arena der Belanglosigkeit – und mach mit jeder einzelnen Zelle deines Körpers, jedem Schritt, jedem Blick und einer göttlichen Attitude innerer Überzeugung eines unmissverständlich:

Ich will keine Beliebtheit um jeden Preis. Ich will keinen Applaus, der an Bedingungen geknüpft ist. Ich will denken, äussern, fühlen dürfen – ohne weichgespült zu werden. Und deshalb sage ich heute: Wenn du mich „lieb“ nennst, nur damit ich dir nicht widerspreche – dann bin ich lieber unbequem als beliebig. Punkt.

Und wenn du wissen willst, wie man Grenzen setzt, wie man mit Haltung „Nein danke“ sagt – oder welche Anredeformel ein respektvoller Einstieg in offene Kommunikation auf Augenhöhe ermöglicht, dann bleibe dran. Folge mir. Im nächsten Beitrag:
° Ein Crashkurs in semantischer Selbstverteidigung, für alle, die Sprache nicht mehr als Kuscheltier benutzen wollen. #staytuned

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